Christian Janecke
Eröffnungsansprache für Jens Lehmann (Heussenstamm. Raum für Kunst und Stadt, 28.10.2025)
Jens Lehmann ist kein Glasmaler, erst Recht kein Glaskünstler. Und dies nicht etwa nur, weil aller Beschränkung auf ein seltenes Medium oder einen ungewohnten Bildträger in der Gegenwartskunst etwas Provinzielles anhaftet – ja etwas Kunstgewerbliches, das man leider auch vielen gut gemeinten Katalogen zum Thema entnehmen kann. Sondern weil Jens Lehmann Künstler ist, und weil er als solcher eben auch zu Glas als Bild- und Ausdrucksträger gefunden hat. Und genaugenommen ist deshalb Jens Lehmann auch kein Hinterglasmaler, obgleich doch, was er hier leistete, was Sie hier in kleiner Auswahl sehen, in diese Rubrik fällt.
Denn die eigentliche Hinterglasmalerei nutzt die Glätte und Durchsichtigkeit und folgedessen auch beiderseitige Bearbeitbarkeit des Glases ja auf eine Weise, die sich nicht stets offenbart, sich nicht offenbaren soll. In der Volkskunst wird das Luxurierende, Wertige, das wie aus kostbarem Stein Gewirkte für naive Darstellungen überaus geschätzt. Die stupende Farbbrillanz bei völliger Glätte und Nivellierung des Auftrags, oder auch die Möglichkeit, der von hinten gegen das Glas gepressten und daher sich verteilenden, und wegzüngelnden Farbe irisierende Effekte abzuluchsen. Es liegt ja auch Raffinesse darin: Dass jenes Glas, das doch eigentlich die kostbare Zeichnung oder das feine Aquarell schützen soll, gleichsam kassiert wird und nun selbst Bildträger und Bildversiegler ineins wird.
Bei Lehmann hingegen finden sich all diese hinterglasmalerischen Kniffe so, dass sie zwar wirken, ja teils betörend schön wirken, man sich an der Akkuratesse der amorph gerundeten, klar gegeneinander abschließenden Farbflächen gar nicht satt sehen kann. Allerdings werden diese Effekte, indem sie benutzt werden, doch zugleich exponiert. Denn wir sind geladen, 'hinter die Kulissen zu blicken'. Nicht nur sind manche von Lehmanns Arbeiten, hier die Paravents und Bildobjekte, umgehbar, sie sind es auf eine Weise, die nun selbst Modus solcher Kunst wird: Große Scheiben, schlicht metallgerahmt, sind aufgestellt oder haben sogar mit Rollen versehene Füße, sind oftmals nicht gänzlich bemalt, lassen unseren Blick also durch das Glas auf das Dahinterliegende gleiten: das können dann weitere Bilder sein, der Galerieraum, andere Betrachter. Man könnte auch sagen, vor Lehmanns Werken betrachte man die Betrachtbarkeit dieser Objekte mit.
Und die eckenabgerundeten, teils schräg abgeschnittenen Teilformen wirken nicht nur als solche wie collagiert, ihr Auftrag auf Vorder- wie Rückseite verstärkt dies noch in mannigfachen Überlagerungseffekten. Dabei sind die einzelnen sich uns darbietenden Interferenzen mitnichten endgültige, indem manches halb oder kaum Durchlugendes sich, alsbald wir uns auf die Rückseite des Bildobjektes begeben, sich zwar klärt, jedoch selbst wiederum neue Karten ins Spiel mischt.
Insofern suchen Lehmanns Arbeiten auch nicht jene Selbstthematisierung des Mediums, wie sie aus dem Geiste des Modernismus, besonders der Konkreten Kunst, seit den 1970er Jahren auch auf das Arbeiten mit Glas übertragen wurde: etwa wenn Eberhard Bosslet eine Farbe dickflüssig über eine Glasplatte legte, sie gleichsam über deren Bruchkante kriechen und auf der Rückseite – nun in hinterglasmalerischem Effekt – sich fortsetzen ließ. Denn während es Bosslet damals, ganz im Geiste von "Material & Wirkung", darum ging, konsequent die Prä-Fabrikate und ihre Implikationen zur Geltung kommen zu lassen, ist Lehmanns Ansinnen ein gleichviel ästhetisches: Hard-Edge- und 5oer-Jahre-Retro-Effekte, elegant farbmalerische Formverschnitte, all dies mündet in durchaus auf Schönheit zielende Konstellationen.
Es sei schließlich noch auf die Besonderheit von Bildtiteln eingegangen, die Lehmann nicht nüchtern numerisch oder in der für die jüngere Kunst topischen Verweigerung des "ohne Titel" praktiziert, sondern geradezu ausufernd. Da gibt es die humorvolle Variante: "Direktive Unterstübchen an Oberstübchen". Aber man kann auch an ein Dramolett oder an Partnerschaftsprobleme denken, wo ein Paravent per Titel fragt: "Warum können wir nicht ein Mal in allen Punkten einer Meinung sein?" oder wo es entnervt heißt: "Ich verstehe ja, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt, aber verstehe du mich bitte auch".
Anderes wiederum schrappt haarscharf an der BWLer-Plattitüde entlang, etwa wo ein Bildobjekt auf Aluständer und Rollen die Betrachter in chiastischem Wortspiel belehrt: "Du musst dich mal entscheiden: suchst du nach der Zielgruppe für dein Anliegen oder nach dem Anliegen deiner Zielgruppe?"
Manche Bildtitel indes passen auch (und dies nicht nur, weil wir alles Mögliche sinnhubernd miteinander zu verknüpfen in der Lage sind). Wenn beispielsweise von der "Konvergenz zwischen inneren und äußeren Bedürfnissen" die Rede ist, so meinen wir das spontan, wenn auch nur irgendwie, auch auf Kunst beziehen zu können. Und bei einem Bilderpaar mit den Titeln "links" und "rechts" können dann sogar formale Pendants erkennbar werden. Oder wenn ein Werk dieser Ausstellung "Hufeisentheorie" heißt, so könnte man die damit besagte skandalöse Annäherung ideologisch eigentlich konträrer Standpunkte (eben wie die zwei Enden des sich wieder zusammenbiegenden Hufeisens) vielleicht – aber nur vielleicht – wiederfinden in den allfälligen Paradoxien malerischen Tuns: z.B. dass das gänzlich Zugemalte dem gänzlich Transparenten hinsichtlich verweigerter Sublimierung ähnelt.
Mitunter scheinen Lehmanns Bildtitel selbstreflexiv sogar auf die Praxis eben dieser Bildtitel-Vergabe selbst anzuspielen, so nämlich bei: "Distinktion als Zeitvertreib".
Man könnte in Lehmanns Praxis eine Grille sehen, oder Manieriertheit. Doch passt sie zu vielgestaltiger Hinterglasmalerei, die durch Umgehbar- und Durchblickbarkeit sowie räumliche Installation immerzu komplexer wird. Man erinnere sich nur an Marcel Duchamps "Großes Glas" (1919), dessen Entstehung, ja teils Verursachung, dessen Anspielungs-reichtum seinerseits überaus komplex war. Duchamp hatte von einer "Verzögerung in Glas" gesprochen. Und wenn Benjamin Buchloh sie nun ausgerechnet für die gläsernen 'Scheiben' eines Gerhard Richter reklamierte (bei denen sie sich auf das nur zögerlich sich ergebende Seherlebnis bezieht), so gälte "Verzögerung in Glas" mit mehr Recht für Jens Lehmann! Denn seine Bilder sind am weitesten vom modernistischen Dogma instantaner Präsenz entfernt, insofern sie uns Betrachter ja, genau umgekehrt, eher in regelrechte Situationen involvieren, so wie man sie zurecht einst für Installationskunst beansprucht hatte.
Mit diesen Überlegungen entlasse ich Sie nun in die Betrachtung der Werke von Jens Lehmann, von denen ich hoffe, für sie gelte nicht, was einer seiner Bildtitel verkündet: "Alles geht ein in die Betriebsamkeit des Betriebs"